Kathleen Bomani: What the Fiber Remembers


27. September 2026 – 15. November 2026

What the Fiber Remembers ist die erste institutionelle Einzelausstellung der tansanischen Künstlerin Kathleen Bomani, geboren in Dar es Salaam, aufgewachsen in Philadelphia und heute in Berlin lebend. In ihren Arbeiten, die Film, Skulptur, Sound und forschungsbasierte Installationen umfassen, untersucht Bomani die ökologischen, politischen, sozialen und räumlichen Verflechtungen, die durch die Bewegung von Pflanzen, Menschen und Macht entstehen. Ausgehend von archivarischer Recherche, persönlicher Erinnerung und verkörpertem Wissen beschäftigt sie sich damit, wie Landschaften und gebaute Umgebungen die Nachwirkungen kolonialer Infrastrukturen und Architekturen der Erinnerung bewahren.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist die materielle Geschichte des Sisals, einer Pflanze, die über koloniale botanische Netzwerke von der Halbinsel Yucatán nach Ostafrika gelangte und dort unter deutscher Kolonialherrschaft in Plantagensystemen kultiviert wurde. Bomani verfolgt die Pflanze von der Agave über die Faser und das Seil bis hin zu Teppichen und industriellen Waren. Sisal wird dabei nicht lediglich als Rohstoff betrachtet, sondern als Material, das Geschichte in sich trägt: von Arbeit und Ausbeutung über Migration und globale Warenströme bis hin zu persönlichen Erinnerungen und gegenwärtigen Lebensrealitäten.

Die Ausstellung fragt zugleich, was Materialien erinnern können und wie sich Geschichte jenseits des Archivs überträgt. Fasern und Seile werden zu einem verbindenden Motiv, materiell ebenso wie konzeptuell. Sie verknüpfen Orte, Zeiten und Körper und machen sichtbar, wie eng koloniale Gewalt, Arbeit, Infrastruktur, Ökologie und Formen des Widerstands miteinander verflochten sind.

In „Lebensraum“ (2024) hängen rohe Sisalfasern an historischen, von der Decke abgehängten Wäschetrocknern im viktorianischen Stil. Ein Material, das durch koloniale Plantagensysteme geprägt ist, wird so in einen häuslichen Kontext überführt, in dem sich Arbeit, Fürsorge und Erinnerung überlagern. Die Arbeit verbindet die Kindheitserinnerung der Künstlerin an entlang der Straßen Tansanias zum Trocknen ausgelegten Sisal mit der scheinbar neutralen Präsenz des Materials in deutschen Haushalten. Was im Alltag als Teppich oder Gebrauchsgegenstand erscheint, verweist auf globale Wege von Rohstoffen, Arbeit und kolonialer Gewalt.

In der Videoarbeit „In the Wake, My Soul Weeps, My Spirit Restores“ (2024) werden kinematografische Bilder, archivarische Spuren, wissenschaftliche Aufnahmen und spekulative Erzählformen miteinander verwoben. Die Arbeit folgt den gewaltvollen Geschichten, die in der globalen Zirkulation von Sisal eingeschrieben sind, und setzt ihnen Vorstellungen von Rückkehr und Reparatur entgegen. Bilder der Pflanze und ihrer Strukturen treffen auf die Unterwasserwelten der Cenoten auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán – Orte, die in der Maya-Kosmologie als Übergänge zur Welt der Toten verstanden werden. Atem, Wasser und Körper werden zu zentralen Motiven und verbinden körperliche Erfahrung mit Fragen von Erinnerung, Verlust und Rückbindung.

Für die Ausstellung in Arnsberg hat Bomani eine neue Wandinstallation entwickelt, die als „kletterndes Archiv“ konzipiert ist. Ausgehend von der aufsteigenden Architektur von Katzenmöbeln verbindet die Arbeit archivarische Recherche, Fundstücke, Fotografien und Objekte. Die einzelnen Elemente sind auf kleinen, mit Sisal umwickelten Holzablagen angeordnet und durch einen begleitenden Audioguide miteinander verbunden. Die offene, fragmentarische Struktur der Installation verweigert sich einer linearen Erzählung. Stattdessen entstehen Verbindungen zwischen Bildern, Materialien, Geräuschen und Erinnerungen – ebenso wie zwischen dem Sichtbaren und dem, was in den Lücken der Geschichte fehlt.

In der Installation „Twende Kilioni“ (2025) wird das Flechten zu einer Praxis zeitlicher Neuorientierung. Der Titel – Swahili für „Lasst uns zum Wake gehen“ – bezieht sich auf ein Flechtmuster, dessen gerade Reihen an die geometrische Ordnung kolonial vermessener und geteilter Landschaften erinnern. In Bomanis Arbeit werden diese Linien jedoch beweglich: Sie werden zu Verbindungen, Umwegen und möglichen Fluchtrouten.

Im Kontext des Jahresthemas des Kunstvereins Arnsberg „UMBRUCH – Was bedeutet es, Mensch zu sein?“ nähert sich die Ausstellung der Frage nach dem Menschsein nicht als abstrakter Definition, sondern als gelebter Erfahrung innerhalb vielfältiger und ineinandergreifender Umbrüche. Sie betrachtet, wie menschliches Leben seit langem durch ökonomische, koloniale und infrastrukturelle Systeme geprägt wird und wie diese Bedingungen in Materialien, Landschaften und alltäglichen Gegenständen fortbestehen.
Die Ausstellung fragt auch danach, wie wir als Menschen mit dem umgehen, was uns vorausgeht und uns weiterhin prägt: mit Geschichte, Land, Materialien und den Beziehungen, in die wir hineingeboren werden. Menschsein erscheint dabei nicht als ein feststehender Zustand, sondern als die Fähigkeit, Verbindungen wahrzunehmen, Erinnerung weiterzutragen und sich zu den Bedingungen der eigenen Gegenwart zu verhalten.
Bomanis Arbeiten zeigen dabei nicht nur Spuren von Gewalt und Verlust, sondern auch Formen des Überlebens, der Fürsorge und des Widerstands. Erinnerung wird zu einer aktiven Praxis: etwas, das weitergegeben, verändert und neu miteinander verflochten werden kann. Die Geschichte einer Pflanze wird damit zu einer Geschichte von Menschen und ihren Beziehungen zu Land, Arbeit und Infrastruktur.

Kathleen Bomani
Bomani lebt und arbeitet zwischen Deutschland, Tansania und den USA. Sie studierte Raumstrategien an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. Zu ihren jüngsten Ausstellungen und Projekten gehören The Fire Last Time, ein Auftragsfilm für das Haus der Kulturen der Welt (HKW), Berlin (2026); Transmediale, Berlin (2026); DESACTA. Counter-spells to unravel 140 years of the Berlin Conference, SAVVY Contemporary, Berlin (2025–26); Chronoplasticity or How to Eat a Rolex, Raven Row, London (2024); sowie 93 ’TIL INFINITY, eine in Zusammenarbeit mit Theater RAMPE und der Akademie Schloss Solitude, Stuttgart, entwickelte Lecture-Performance (2024), die sich mit übersehenen Geschichten der Agave sisalana und ihrer unscheinbaren Präsenz in deutschen Altbau-Treppenhäusern auseinandersetzt.