Ines Doujak: VON LUFT LEBEN


14. Juni 2026 – 13. September 2026

Ausstellungseröffnung: Sonntag, 14. Juni 2026, um 11 Uhr

Ines Doujaks unerschrockenes Werk, das sich über Jahrzehnte in Form von Performances, Collagen, Skulpturen und öffentlichen Interventionen entfaltet, hinterfragt die Auswirkungen des Menschen auf die Erde, die Ökologie und die Mikrobiologie. Dies geschieht durch ästhetische Strategien des Schocks und des Humors. Doujak nutzt Übertreibung als Mittel der Kritik, wenn sie die gewalttätigen Auswirkungen des globalen Kapitalismus, des Menschenhandels und der Ausbeutung untersucht.
Sie denkt über Ansteckung im weitesten Sinne nach und thematisiert die Verbindungen zwischen Landraub, Pandemien, Kapitalismus, Patriarchat sowie aktuellen ökologischen und politischen Machtkrisen. Doujak mobilisiert Empathie und Fiktion als Vehikel für ein tieferes Verständnis menschlicher Erfahrung und aktiviert Witz und Humor, um historische Einsichten in lang andauernde Unterdrückung sowie die systemischen Kräfte, die sie aufrechterhalten, zu vermitteln. Horizontalität und Kooperation nutzt sie dabei als Strategien des Widerstands.

Die Einzelausstellung VON LUFT LEBEN von Ines Doujak zeigt unter anderem die beklemmende Serie Geistervölker (2015–fortlaufend). Diese Collagen bestehen aus historischen Drucken botanischer Wandtafeln und medizinischen Büchern aus dem frühen 20. Jahrhundert. Die Serie beschäftigt sich mit der Globalisierung von Krankheitserregern und Krankheiten, die mit der europäischen Invasion Amerikas und dem darauf folgenden atlantischen Dreieckshandel einhergingen. Mit den tödlichen Sklavenschiffen kam Afrika hinzu. Die Körper in Doujaks Collagen sind aus Versatzstücken zusammengesetzte Hybride, entstanden aus einem Prozess der De- und Refiguration. Die Klassifizierung von Lebewesen, wie sie in der westlichen Wissenschaft seit der Antike betrieben wird, war stets nur scheinbar neutral. Tatsächlich wurden Hierarchien geschaffen, um das Echte vom Unechten und das Reine vom Unreinen zu trennen.

Im Laufe der Geschichte haben Krisen immer wieder Sündenböcke hervorgebracht. Dazu zählen auch Tiere, die die Last kollektiver Ängste tragen und für Missstände verantwortlich gemacht werden, von der auf sogenannte invasive Arten abgeschobenen Umweltzerstörung bis hin zum neuen Zeitalter der Pandemien, in dem Tiere als Krankheitsüberträger stigmatisiert werden.
Im Kunstverein Arnsberg stellt Doujak eine neue Arbeit vor, die sich mit wiederkehrenden Mustern von Schuldzuweisung und Beschämung auseinandersetzt, die an den Schnittstellen gesellschaftlicher Ungleichheiten entstehen. Die Arbeit zeigt zeit- und demografieübergreifende Sündenbockmechanismen auf. Dabei werden tiefgreifende Ungleichheiten fortgeschrieben, die von systemischem Versagen ablenken. Da unsere Kultur stark von „Speziesismus“ geprägt ist, analysiert die Arbeit zudem Mechanismen der Entmenschlichung, die sowohl Vorurteilen gegenüber marginalisierten menschlichen Gruppen als auch gegenüber nichtmenschlichen Tieren zugrunde liegen. Die Aushöhlung des Gemeinwohls und weltweit unzureichende öffentliche Infrastrukturen haben sich in den vergangenen Jahren verschärft. Notlagen erzeugen daher nicht nur Sündenböcke, sondern auch kraftvollen Widerstand, der sich in Solidarität statt in Scham artikuliert.

Die Arbeit TIER PROZESS 1: DAS SCHWEIN ermöglicht es, diese Muster zu erkennen und kollektive Fürsorge anstelle individueller Schuldzuweisung in den Mittelpunkt zu stellen – als möglichen Weg hin zu einer gerechteren sozialen Ordnung.
Zum Abschluss der Ausstellung wird den Besucher:innen im letzten Raum der Film Masterless Voices präsentiert. Der Film analysiert, inwiefern die Geschichte der Globalisierung die heutigen soziokulturellen Verhältnisse beeinflusst. Er verfolgt die Wurzeln des Karnevals zurück zu Mustern von Ausbeutung, Arbeit und Handel, aber auch zu Rebellion und Freude.
In dieser Arbeit verbindet Doujak ihre für die bildende Kunst charakteristische, skulptural ausdrucksstarke Formensprache mit ihrer tiefen Faszination für die von heiterer Kraft und ausgelassener Fröhlichkeit geprägte Welt des Karnevals und öffentlicher Umzüge.

Parade zum Arnsberger Kultursommer 2026
28.06.2026, 16 Uhr
Hoffnung gegen Hoffnung (2023 – fortlaufend)

15:00 Uhr: Treffpunkt am Neumarkt (Formierung & Kostümierung), 16:00 Uhr: Start der Parade, Dauer: ca. 2 Stunden
Ab 18:00 Uhr: Ausklang mit Tanz, Party und Performance in den Garten des Kunstvereins Arnsberg

Der Kunstverein Arnsberg, die Künstlerin Ines Doujak und das Kulturbüro der Stadt Arnsberg laden am 28. Juni 2026 um 16 Uhr zu einer künstlerischen Parade ein. Wir wehren uns gegen kapitalistische und patriarchale Ausbeutung. Wir feiern – mehr als menschliche – Courage. Hoffnung ist ein Akt des Widerstands!

Die Parade bewegt sich entlang der Ruhr durch die Stadt – ein fließender Körper aus Stimmen, Bildern und Klängen. Im Zentrum: ein rollender Kiosk. Seine Startnummern erzählen von Kämpfen – von Landverteidigerinnen und Wasserschützerinnen, von Widerstand, der sich einschreibt und weiterträgt. Buttons und Hefte zirkulieren, wie Fragmente eines geteilten Wissens. Eine Trage mit Hyäne und Rabe, zwei Haie, Fahnen und kostümierte Performer*innen durchziehen den Raum – eine Versammlung jenseits des Menschlichen, vielstimmig, widerspenstig, wach. Lieder heben an, eigens geschrieben, eigens komponiert. Texte werden über Megafone in die Stadt gesprochen – sie hallen nach, überlagern sich, reißen auf. Gemeinsam mit lokalen Gruppen entsteht ein Moment von Öffentlichkeit: ein Innehalten im Fluss, ein kollektives Fragen. Was kann werden? Was gilt es zu verteidigen?
Und wie wollen wir leben? Wir freuen uns über alle, die mittragen, mitgehen, mitsingen, organisieren oder unterstützen möchten.

Die Ausstellung und Parade ist gefördert vom der Kunststiftung NRW und Stadt Arnsberg.

BIOGRAFIE

Ines Doujak entwickelt seit den 1990er Jahren eine multidisziplinäre Praxis, die Fotografie, Performance, Film und Installation umfasst. Sie arbeitet sowohl mit politischer Theorie als auch mit natürlichen und menschengemachten Objekten, um die politischen Implikationen sexistischer und rassistischer Stereotypen zu dekonstruieren.
Doujaks akribische Recherche und ihr ausgeprägtes erzählerisches Talent ermöglichen es ihr, Wissenschaft und Groteske miteinander zu verbinden, um soziale Ausbeutungsstrukturen und Ungleichheiten sichtbar zu machen, die häufig mit kolonialen Machtverhältnissen verbunden sind.
Ausgehend von der Tradition des Karnevals, der Maskerade und kulturgeschichtlicher Motive untersucht sie gesellschaftliche Hierarchien und legt die ihnen zugrunde liegenden Mechanismen offen.
Doujak präsentierte ihre Arbeiten unter anderem in folgenden Institutionen und Ausstellungen:
Lentos Kunstmuseum Linz (2025, 2018), Hamburger Kunsthalle (2025), Kunsthaus Wien (2021), Liverpool Biennial (2021), NTU Centre for Contemporary Art Singapore (2020), Bergen Assembly (2019), Centro de Iniciativas Culturales de la Universidad de Sevilla (2018), steirischer herbst (2018), Kochi-Muziris Biennale (2018), Belvedere Wien (2018), Dhaka Art Summit (2018), Para Site Hongkong (2018), Bunkier Sztuki Krakau (2017), Württembergischer Kunstverein Stuttgart (2016), MACBA Barcelona (2015), Kyiv Biennial (2015), São Paulo Biennial (2014), Royal College of Art London (2013), Busan Biennale (2012), Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía Madrid (2010) sowie documenta 12 (2007).
2022 erhielt sie den Österreichischen Kunstpreis für Bildende Kunst.


TIER PROZESS 1: Das Schwein, Skizze (2026) von Ines Doujak
Ines Doujak und John Barker, Masterless Voices, 2014. Installationsansicht Tate Liverpool, Liverpool Biennial 2021. Photo credit: Stuart Whipps